Pfarrgeschichte

Cappenberger Wappen

Von der Ritterburg zur Glaubensfeste

Die Kirche im Dorf lassen - das konnten die Cappenberger eigentlich noch nie, und sie können es bis heute nicht. Im Gegenteil: Besucher, die den heutigen Ortsteil Cappenberg der Stadt Selm am südwestlichen Rand des Münsterlandes aufsuchen, tun sich gelegentlich schwer damit, die in so vielen Reiseführern und Freizeitkarten erwähnte Stiftskirche zu finden. Sie liegt eben nicht im Ort, sondern etwa einen Kilometer außerhalb der eigentlich neuzeitlichen Siedlung Cappenberg auf einer Anhöhe, die sich nördlich der Lippe entlangzieht.
Aus diesem Höhenzug schiebt sich ein schmaler Sporn in südwestlicher Richtung heraus und bildete so schon im Mittelalter beste Voraussetzungen für eine Befestigungsanlage hier an der ehemaligen Grenze zwischen dem nördlich liegenden Münsterland und der südlich gelegenen Grafschaft Mark. Von drei Seiten nur mühsam zu ersteigen, erhob sich hier bereits im 10. Jahrhundert und vermutlich schon davor eine wohl gesicherte Burg, umgeben von mächtigen und teils wohl bis zu acht Meter hohen Mauern.
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts erbte diese Burg und die ihr zugehörigen, umfangreichen Besitzungen der 1097 auf Cappenberg geborene Graf Gottfried III., Nachkomme eines vornehmen Geschlechts, das wohl ursprünglich aus Niederlothringen stammte. Neben Gottfried, der mit Jutta, einer Tochter des Grafen Friedrich von Arnsberg, vermählt war, lebten auf der Burg wohl noch seine jüngeren Geschwister Otto, Gerberga und Beatrix.
Für dieses mächtige Grafengeschlecht, das neben Cappenberg noch über zahlreiche Besitzungen im Münsterland und weit über dessen Grenzen hinaus verfügte, traf eben dieser Gottfried in noch jugendlichem Alter eine weitreichende Entscheidung, die das Geschlecht der Cappenberger zwar auslöschen, dem Namen Cappenberg aber einen bleibenden Platz in der deutschen Geschichte ebenso wie in der Geschichte der Kirche geben sollte. Diese Entscheidung, von der hier gleich die Rede sein soll, und ihre konsequente Umsetzung waren es, die auch Gottfried selbst - zumindest im Münsterland und im inzwischen weltweit verbreiteten Orden der Prämonstratenser-Chorherren - die Verehrung eines Heiligen der Kirche eingebracht hat.

Es war um das Jahr 1120/1121 herum, also in der letzten Phase des sogenannten Investurstreits zwischen dem deutschen Kaiser Heinrich V. und dem damaligen Papst Calixt II., dass sich Gottfried mit seiner eigenen Streitschar dem Herzog Lothar von Sachsen und dessen Heer anschloß, um die Stadt Münster zu belagern. Lothar kämpfte für die Partei des Papstes und wollte durch die Belagerung Münsters die Rückkehr des Bischofs Dietrich erzwingen, der zuvor gewaltsam von kaiserlichen Truppen aus Münster vertrieben worden war. Im Zuge der Kampfhandlungen kam es zu einer für alle Streitenden gleichermaßen bedrückenden Katastrophe: Weite Teile der Stadt Münster gingen in Flammen auf, und mit ihr auch der ehrwürdige Paulusdom. Bischof Dietrich konnte zwar zurückkehren, doch was fand er vor? Eine weitgehend zerstörte Stadt, eine ruinierte Kirche.

Stifter Gottfried und OttoDen jungen Grafen Gottfried trieb wohl nicht zuletzt dieses traumatische Erlebnis zur vermutlich bedeutsamsten Entscheidung in seinem jungen Leben. Er glaubte, für den rechtmäßigen Bischof und damit für Gott gekämpft zu haben, doch dieser Kampf hatte solches Elend hervorgebracht und den herrlichen Dom, das Zelt Gottes unter den Menschen, vernichtet. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse entschied sich Graf Gottfried, nunmehr sein ganzes Leben in den Dienst Gottes zu stellen, den Waffen der Welt zu entsagen und mit den Waffen des Wortes und des Gebetes in die „militia Christi“ einzutreten. Doch nicht nur die persönliche Bekehrung beinhaltete sein Entschluß: Nie wieder sollte von Cappenberg und den Cappenbergern Kampf und Krieg ausgehen, die ritterliche Burg sollte fortan eine Festung des Glaubens sein.

Es fügte sich, dass in dieser entscheidenden Phase der Bekehrung Gottfried einem Menschen begegnete, der sich selbst erst kurz zuvor zu einem Leben in radikaler Christusnachfolge entschlossen hatte: Norbert von Gennep, heute in den Heiligenverzeichnissen auch eher Norbert von Xanten bzw. von Magdeburg genannt.

Dieser energische Mann hatte es verstanden, innerhalb kürzester Zeit durch Wort und Tat zahlreiche suchende Menschen zu begeistern für Gott und für einen neuen Weg in der konsequenten Nachfolge Jesu. Mit einigen Gefolgsleuten teils sehr vornehmer Herkunft hatte er kurze Zeit vor der entscheidenden Begegnung mit Gottfried von Cappenberg ein erstes Kloster gegründet und damit den Samen ausgestreut für eine neue Ordensgemeinschaft. Von ihrem Gründungsort Prémontré (Diözese Laon, Nordwest-Frankreich) her nannte man die neue Gemeinschaft schon bald den Orden von Prémontré oder nach der latinisierten Form des Ortsnamens einfach die Praemonstratenser.

In Norbert und Gottfried nun trafen Idee und Tat, Wollen und Können zusammen: Gottfried schenkte über die Köpfe seiner Familie hinweg sein ganzes Hab und Gut seinem neu gewonnenen Freund und Glaubensbruder Norbert in der Absicht, dessen Ideen zum Durchbruch zu helfen und der neuen Lebensform auch eine Lebensgrundlage zu geben. Nicht nur seine Burg Cappenberg, auch seine Besitzungen Ilbenstadt in der Wetterau, Oberndorf bei Wesel und Varlar bei Coesfeld sowie die Burgen Kreinecke und Hilderadeshausen in Schwaben setzte Gottfried dafür ein, dem neuen Orden den Weg zu bereiten und den sich schnell entwickelnden Gemeinschaften ein Zuhause zu geben.

Noch im Jahre 1121 und zunächst gegen den erbitterten Widerstand auch seiner Angehörigen und Freunde begann die Umwandlung der Burg Cappenberg zum ersten Kloster der Prämonstratenser auf deutschem Boden. Von dieser ersten Zeit Cappenbergs als Kloster zeugt bis heute die altehrwürdige Stiftskirche mitten im Hof des heutigen Schlosses. Als das „zweite Prémontré“ wurde das Kloster Cappenberg schon bald zur Keimzelle für viele weitere Niederlassungen des rasch aufblühenden Ordens. Wie für sich selbst, so beschloß Gottfried auch für seinen jüngeren Bruder Otto und für seine Frau Jutta, dass sie fortan ihr Leben für Gott im Kloster zubringen sollten - ein Beschluß, den Otto bald auch mit dem Herzen nachvollzog, Jutta aber wohl nie. Obwohl für sie und eine Gemeinschaft von Frauen, die nach der Ordnung von Prémontré leben wollten, am Fuße des Cappenberges ein eigenes Kloster errichtet wurde, verließ Jutta das Kloster schon bald nach dem frühen Tod Gottfrieds wieder und vermählte sich später erneut.

Gottfried selbst war es nur sehr kurze Zeit vergönnt, als Ordensmann zu leben. Erst nach dem Tod seines erbittertsten Gegners und zugleich Schwiegervaters Friedrich von Arnsberg (1124), der ihn selbst mit Waffengewalt von seinem Entschluss abzubringen suchte, konnte er Rüstung und Waffen endgültig niederlegen und als Armer dem armen Christus im Gewand der Prämonstratenser folgen. Doch nurmehr drei Jahre sollte sein Leben in dieser Welt noch dauern: Im Winter 1126/1127 erkrankte Gottfried auf einer Reise von Magdeburg, wohin er dem mittlerweile zum Erzbischof erwählten Norbert gefolgt war, zu seiner Gründung Ilbenstadt schwer. In Ilbenstadt angelangt, verstarb er dort am 13. Januar 1127, kaum dreißig Jahre alt.

Zunächst in Ilbenstadt begraben, wurde ein Teil seiner Gebeine nach der Fertigstellung der Cappenberger Stiftskirche im Jahre 1149 durch seinen Bruder Otto nach Cappenberg zurückgeführt und beim dortigen Hochaltar beigesetzt. Bis zum heutigen Tag sind seine Reliquien dort erhalten und werden in einem kostbaren, steinernen Reliquienschrein aus der Zeit der Gotik aufbewahrt. Zur Entwicklung einer regelrechten Wallfahrt wie an das Grab nach Ilbenstadt kam es in Cappenberg nie, doch gedenkt man hier jährlich an einem Sonntag um den 13. Januar herum des schon früh vor allem im Orden als Heiligen verehrten Gottfried mit einem festlichen Hochamt, in dem stets das auch über die Grenzen Cappenbergs und Ilbenstadts hinaus durchaus bekannte Gottfried-Lied erklingt.

Schlosspark CappenbergDer heutige Besucher findet die Stiftskirche zur Sommerzeit in einem von mächtigen Laubbäumen beschatteten Park, der das Schloss Cappenberg umgibt, und der im Wesentlichen auf die gestaltende Hand des Freiherrn von und zum Stein zurückgeht. Bereits im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert dürfte außer der Kirche und dem heutigen Pfarrhaus kaum mehr etwas von der mittelalterlichen Klosteranlage erhalten geblieben sein: In den letzten einhundert Jahren vor der Säkularisation des Klosters im Jahre 1803 lebten die Mitglieder des inzwischen längst nur noch Adeligen vorbehaltenen Stiftes in dem barocken Prachtbau, der sich heute unter der Bezeichnung „Schloß Cappenberg“ auf der bewaldeten Anhöhe erhebt.

StiftskircheWohl im Zuge der barocken Umgestaltung der Klosteranlage wurden alle früheren Anbauten der Kirche wie Kreuzgang und Seitenkapellen niedergelegt. Heute steht die Kirche frei umgehbar und trotz ihrer Größe doch etwas versteckt im Schlosshof, von drei Seiten durch das ehemalige Klostergebäude umrahmt und den Blicken aus dem Tal herauf entzogen. Die in weiten Teilen noch in ihrer romanischen Substanz erhaltene Stiftskirche, deren Grundriß ein lateinisches Kreuz bildet, wurde zwar im 14. und 15. Jahrhundert durch einige gotische Bauelemente wie Spitzbogenfenster und Gewölbe verändert, doch vermittelt sie dem Besucher in ihrem Innern nach wie vor einen sehr geschlossenen, harmonischen Gesamteindruck: Enggestellte, massive Pfeiler mit schmalen, romanischen Rundbögen tragen das nun sternförmig überwölbte Mittelschiff und trennen es optisch von den zwei Seitenschiffen ab; lediglich deren Licht fällt zwischen den Pfeilern hindurch und gibt in Verbindung mit den Fenstern des Obergadens dem Mittelschiff seine mild-dämmrige Beleuchtung.

Inneres der StiftskircheDer Blick des Eintretenden wird konsequent nach vorn gezogen in Richtung auf den neugotischen Hochaltar und die farbenprächtige - ebenfalls neugotische - Verglasung der gotischen Apsis. Es ist wohl dieser Blick und die Ruhe, die er einzuflößen vermag, der viele Besucher immer und immer wieder hierher in die altehrwürdige Stiftskirche Cappenberg führt, zu einem Moment der Einkehr, in eine Atmosphäre des Gebets. Hierzu steht die Kirche das ganze Jahr über täglich zu den hellen Tagesstunden in ihrem Eingangsbereich offen. Will man indes die zahlreichen und bedeutenden Kunstgegenstände der Kirche näher betrachten, so geht dies nur kurz vor und nach den Gottesdiensten (samstags 18:00 Uhr bzw. sonntags 10:00 Uhr), im Rahmen der in jedem Jahr zwischen März und September angebotenen Orgelkonzerte und Vespermusiken oder bei einer Führung, die auch für kleinere Gruppen und Gemeinschaften über das Pfarramt Cappenberg verabredet werden kann.

Zu den sehenswertesten Einrichtungsgegenständen und Schätzen der Kirche zählen gewiß der berühmte Barbarossakopf (eine vergoldete Büste mit den individuellen Gesichtszügen des Kaisers Friedrich Barbarossa, eines Patensohnes des Grafen Otto von Cappenberg, um 1160), das überreich mit kostbaren Schnitzereien versehene Chorgestühl aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, das Flügelaltärchen des Jan Baegert aus derselben Zeit, oder das spätromanische Kruzifix über dem heutigen Volksaltar.

Schloss CappenbergWährend das Kloster in der Säkularisation aufgelöst und Gebäude und Besitzungen durch das Königreich Preußen eingezogen wurden, blieb die Kirche stets für den Gottesdienst nutzbar. Durch Gütertausch mit dem Königreich kam Cappenberg schon bald nach seiner Aufhebung in den Besitz des Freiherrn von und zum Stein, der sich Cappenberg als seinen Altersruhesitz auserkoren hatte und hier auch verstarb. Zu seinen Nachfahren gehören auch die Grafen von Kanitz, denen heute das Schloss mit Ausnahme der Kirche gehört. Diese ist heute Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen, während das Nutzungsrecht an ihr der 1835 errichteten Katholischen Pfarrgemeinde St. Johannes Evangelist übertragen worden ist. Seit 1974 wird die Pfarrei Cappenberg, die über den Selmer Ortsteil Cappenberg hinaus auch die zur Stadt Werne gehörende Bauernschaft Langern umfaßt, gemäß einer Vereinbarung zwischen dem Bischof von Münster und der Prämonstratenserabtei St. Johann in Duisburg-Hamborn von Mitgliedern dieses Klosters seelsorglich betreut.

Der Besucher des ehemaligen Prämonstratenserklosters Cappenberg und der heutigen Pfarrkirche St. Johannes Evangelist sollte sich ruhig etwas Zeit mitbringen: neben der Kirche laden nämlich auch das Schloß mit rennomierten Wechselausstellungen (Veranstalter: Kreis Unna, Öffnungszeiten täglich außer montags von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr), mit dem Freiherr-vom-Stein-Archiv und mit einer kleinen Ausstellung zur Geschichte der Prämonstratenser auf Cappenberg zum Verweilen ein, ebenso wie der an Wochenenden geöffnete und unterhalb des Schlosses gelegene Wildpark oder die selbstverständlich jederzeit zugänglichen Wege durch Feld und Wald, über die man zu Fuß oder mit dem Rad weitere Sehenswürdigkeiten ebenso wie urige Lokale erreichen kann.

Weitere Informationen zur Geschichte Cappenbergs und des Prämonstratenserordens finden sich u.a. in den folgenden Publikationen, die über das Pfarramt bezogen werden können:

  • „Der Hl. Norbert und die Prämonstratenser“ (Broschüre, 32 S., zahlreiche Abbildungen)

  • „Gottfried von Cappenberg“ (Broschüre, 50 S., zahlreiche Abbildungen)

  • „Stiftskirche Cappenberg“ (Broschüre, 16 S., zahlreiche Abbildungen)

  • „Die Vorenweg-Orgel in der Stiftskirche Cappenberg“ (Festschrift, 98 S., zahlreiche Abbildungen)


Quelle: Altfried Kutsch OPraem, Die ehemalige Prämonstratenser-Stiftskirche Cappenberg, in: Egon Mielenbrink (Hg.), Im Glauben unterwegs. Die Wallfahrtsorte im Bistum Münster, 2005, Butzon & Bercker, Kevelaer